<!– : –> 18.07.07 Zweifel auf der Galerie Beim Kampf gegen Rechts leistet sich Sachsen-Anhalts Polizei immer wieder PannenVon Hendrik Lasch, Dessau
Der Umgang der Polizei in Sachsen-Anhalt mit Rechtsextremismus steht in der Kritik. In Dessau gibt es so viele Fragen, dass der Landtag einen Untersuchungsausschuss einsetzt. Am zehnten Prozesstag platzt Manfred Steinhoff der Kragen. Seit zwei Monaten verhandelte der Vorsitzende Richter am Landgericht Dessau gegen zwei Polizisten, in deren Obhut am 7. Januar 2005 der Flüchtling Oury Jalloh in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers verbrannte. Den Beamten wird vorgeworfen, am Tod des 21-Jährigen aus Sierra Leone »durch Unterlassung« mitschuldig zu sein. Ob dem so ist, muss Steinhoff herausfinden. Die Wahrheitssuche ist indes weit mühevoller, als das die Kammer anfangs vermutet hatte. Als der Prozess im März begann, war das Urteil für April avisiert. Der Zeitplan ist Makulatur. Morgen findet der 19. Verhandlungstag statt, mit dem Urteil ist erst im Frühjahr 2008 zu rechnen.Keine Bananenrepublik Dass sich die Rekonstruktion dessen, was damals im Revier an der Dessauer Wolfgangstraße geschah, als so unendlich schwierig herausstellt, liegt an den Polizisten, die im Prozess aussagen. Ihre Schilderungen passen nicht zusammen. Vier sich widersprechende Varianten hat Steinhoff herausgefiltert. An Erinnerungslücken glaubt er nicht mehr: Der Richter spricht unverblümt von Lüge. Dem Hauptangeklagten, einem Dienstgruppenleiter, schreibt er einen bemerkenswerten Satz ins Stammbuch: »Sie sind Beamter des Landes Sachsen-Anhalt, und wir leben hier in keiner Bananenrepublik.« Eine Bananenrepublik ist Sachsen-Anhalt definitiv nicht. Zweifel an den Polizeibeamten des Landes indes regen sich immer wieder, wenn es um ihren Umgang mit rechtsextremen Vorfällen und Rassismus geht. Die Liste der Vorfälle, die es in die Schlagzeilen schafften, ist lang. Zu unrühmlicher Prominenz gelangten neben den Diensthabenden in der Dessauer Polizeiwache auch Streifenpolizisten, die im Juni 2006 nach Pretzien gerufen wurden, weil bei einer Sonnenwendfeier das »Tagebuch der Anne Frank« ins Feuer geworfen worden war: Die Beamten kannten das Buch und dessen Bedeutung nicht. Als in Halberstadt kürzlich Schauspieler von Rechtsextremen zusammengeschlagen worden waren, ließ die Polizei einen Haupttäter zunächst laufen – ein schwerwiegender Fehler, wie auch das Innenministerium einräumt. Steffen Andersch kann weitere Vorfälle samt Ortsnamen aufzählen. Andersch ist Mitarbeiter beim »Projekt Gegenpart«, der Netzwerkstelle gegen Rechts in Dessau. Er erinnert an Zerbst, wo im Juli 2005 beim Stadtfest einem Punk ein Bierglas ins Auge gerammt wurde; Polizisten fuhren den rechtsextremen Täter noch zum Zug. Der jüngste Vorfall trug sich in Wittenberg zu, wo am Rande eines Fußballturniers ein 18-jähriger farbiger Deutscher von Rechten gequält wurde; auch dort hat die Polizei wohl zu spät reagiert. Auch Andersch selbst hat böse Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Zu seinen Aufgaben gehört es, Kommunalpolitiker im Umgang mit dem Rechtsextremismus zu beraten. Zu diesem Zweck referierte er im September 2006 im Gemeindezentrum von Bergwitz. Die Bürgermeisterin hatte nach einem rechten Zwischenfall einen Projekttag organisiert. Andersch erläuterte rechtsextreme Strukturen in der Region – und nannte zwei Rechtsextremisten beim Namen. Einige Wochen später wurde Andersch zur Polizei vorgeladen. Es lag eine Anzeige vor, wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht: Er habe beim Projekttag gezeigte Fotos unerlaubt aus dem Internet gezogen. Später kam der Straftatbestand der üblen Nachrede hinzu. Der Skandal: Urheber der Anzeige waren nicht NPD-Funktionäre, sondern Polizisten. Andersch nennt das einen »unglaublichen Vorfall«: Rechtsextreme würden vom Amts wegen »ermutigt, zivilgesellschaftliches Engagement mit Strafanzeigen zu ahnden«. Ein Zeitungsbericht über das Vorkommnis trug die Schlagzeile »Freund und Helfer der rechten Szene«. Der groteske Fall passt, auch wenn er von der Staatsanwaltschaft zu den Akten gelegt wurde, in ein unschönes Bild von der Dessauer Polizei, das nicht zuletzt durch die Affäre um deren Vizechef Hans-Christoph Glombitza entstanden war. Er steht im Verdacht, Ermittlungen gegen die rechte Szene gebremst zu haben. Hinweise liefert ein Gedächtnisprotokoll von drei für diesen Bereich zuständigen Staatsschützern. In einem Gespräch soll Glombitza angesichts von deren Arbeitsüberlastung angemerkt haben, man müsse »nicht alles sehen«; Berichte könne man auch »langsamer schreiben«. Als die Beamten daran erinnerten, dass die Landesregierung eine Kampagne gegen Rechtsextremismus führe, soll Glombitza erwidert haben, diese sei nur »für die Galerie«. Polizei wird geprüft |
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[ND]: Zweifel auf der Galerie
2007 .. Juli .. 18 · Kommentar schreiben
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